Mir Ist langweilig, tödlich oder normal?

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Mir Ist langweilig, tödlich oder normal?

Achtung dies ist schon wieder ein langweiliger Blog. Unbedingt lesen und langweilen.

Ich weiß nicht wie es dir geht im Moment. Greifst du gerade aus purer Langeweile zum Smartphone, Laptop oder Pad? Und dann findest du nur Blogs, Videos, Tweets… alles langweilig, ha! Erwischt 🙂

Du spürst wie langsam die Welt ist, klebrig wie ein Kaugummi und grau wie ein Regentag.

Hast du dies als Kind auch schon so empfunden? Ganz besonders die Sommerferien wollten nicht zu Ende gehen.

Oder warst du eher ein Bücherwurm, und die Tage konnten gar nicht lang genug sein, weil es so viele interessante Geschichten in deinem Bücherschatz gab?

Oder konntest du lebhaft mit den Kindern aus der Nachbarschaft spielen?

Bist du lieber alleine gewesen und hast mit Burgen oder Puppen gespielt?

Konntest du stundenlang die Ameisen dabei beobachten, wie sie ihrer Arbeit nachgingen? Ab und zu hast du ein Hindernis in den Weg gelegt und dann warst du völlig begeistert, was da so passiert.

Welcher Typ bist du?

Wisssenschaftler wie John Eastwick haben festgestellt, dass es Menschen gibt, denen es von sich aus schwer fällt befriedende Aktivitäten zu finden. Anforderungen aus der Umwelt haben für sie wenig Reiz. Auch ihre Innenwelt empfinden sie nicht als reizvoll. Dabei sind derartig gepolte Menschen für Süchte sehr empfänglich. Ich vermute, dass damit die Leere kompensiert wird. Nicht nur Alkoholmissbrauch spielt hier eine große Rolle, sondern auch Essstörungen. Sie suchen sich einen Beruf oder einen Extremsport, der ihnen ständige Herausforderungen liefert.

Aber was ist Langeweile?

Nicht jeder der mal Langeweile empfindet ist so programmiert, wie ich oben gerade beschrieben habe. Hin und wieder befinden wir uns in Situationen, die uns nicht eben an unsere Leistungsgrenzen bringen. Wir stehen einfach nur so da,  weil wir an der vollen Kasse des Supermarktes warten oder an der Haltestelle, weil sich der Bus gerade verspätet hat. Manchmal ist auch die Arbeit stupide und langweilig. Oder die Verabredung hat gerade abgesagt und dann langweilst du dich.

Warum Langeweile aber auch gut tun kann.

Erinnere dich nochmals an deine Kinderzeit. Wie war das für dich, was hast du getan, wenn dir langweilig wurde? Den Weg der Ameisen beobachtet? Oder, dein Blick verfolgte einfach nur den Kondensstreifen der Flugzeuge am Himmel. Konntest du in den Wolken Gesichter wahrnehmen? Was fällt dir dazu ein?

Unser Gehirn ist dafür geschaffen, dass es sich mit neuen Reizen und Ideen beschäftigen kann.

Langeweile ist normal und gut für unsere Kreativität.

Schämst du dich für empfunden Langeweile?

Mal ehrlich, eine Pause machen, sollte schon mal sein. Langeweile empfinden und Kraft schöpfen braucht jeder. Langeweile, tut auch mal gut.

Doch was ist, wenn Langeweile im Job als tödlich empfunden wird?

Die tägliche Eintönigkeit  auf der Arbeit, ständige Unterforderung wirkt lähmend und macht krank.

Bore-out ist der Fachbegriff dafür.

In er heutigen digitalen Zeit gönnen wir uns viel zu wenig Pausen. Wir halten unser Gehirn immer auf höchste Leistungsstufe.

Wir sind aber auch soziale Wesen, wir brauchen Kontakte. Und nicht nur einfache Gespräche. Wir wollen geliebt werden und wollen lieben. Die tiefe Verbundenheit mit Menschen ist uns wichtig. Wir brauchen ein Gegenüber. Wir brauchen Aktivität. Aber wir brauchen auch Reize, die uns anregen etwas Sinnvolles zu tun. In einer reizarmen Situation werden wir krank.

Dagegen steht die ständige Reizüberflutung, die uns überfordert und uns ebenfalls die Fähigkeit nimmt, etwas Sinnvolles zu tun.

Wer eine ständige Überlastung erfährt wird krank, aber auch wer sich unterfordert fühlt wird krank. Herzkreislauferkrankungen, Gewichtszunahme, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Immunschwäche….. All dies können Folgeerkrankungen sein.

Antriebslosigkeit und Müdigkeit und Leere sind die Folge.

Was aber ist gesund?

Wirklich gesund ist die Lage zwischen Stress und Langeweile, es ist der Flow.

Wenn wir im Flow sind dann stellt sich ein Glücksgefühl ein.

Menschen brauchen daher eine Aufgabe mit Verantwortung.

Jeder Mensch hat das Bedürfnis die Welt mitzubestimmen.

Menschen brauchen einen Sinn, wenn sie keinen Sinn mehr spüren werden sie krank.

Was passiert, wenn krank machende Strukturen auf Mitarbeiter einwirken?

– Der Mitarbeiter stellt sich selbst in Frage: Warum bin ich auf dieser Welt?

– Er empfindet verstärkt seine Ohnmacht.

– Aus Angst passt er sich der Norm an.

– Seine Selbstwirksamkeit nimmt ab

– Seine Leistungsmotivation nimmt ab.

– Das Wohlbefinden nimmt ab

– Der Leistungsstolz nimmt ab.

Mitarbeiter sind soziale Wesen. Sie wollen Anerkennung und Wertschätzung. Sie wollen etwas zu tun haben, worauf sie stolz sein können.

Im Fernsehen wurde hierzu ein sehr interessanter Beitrag gesendet. Ich habe einen Link eingestellt.

Ein Beispiel für Bore-out im Unternehmen:

Um das Ganze noch zu vertiefen, möchte ich dir das Thema, an dem diagnostischen Begriff Bore-out verdeutlichen:

Der Bore-out wird meistens als das Gegenteil des Burnout beschrieben. Wobei ich finde, dass das es nicht wirklich eine gute Beschreibung dafür ist. Entscheidend finde ich ist, dass es hier nicht um ungesunden Stress durch Überforderung geht, sondern um stressähnliche Zustände durch Unterforderung. Es beschreibt das Gefühl, der Langeweile aufgrund geringer Anforderungen. Dabei entwickeln sich die Gefühle von Lustlosigkeit und Ratlosigkeit, weil man nicht weiss, was man tun soll. Im Job macht sich Desinteresse breit. Dadurch entsteht der Verlust der Identifikation mit der Arbeit.

Aber um etwas leisten zu können, braucht der Mensch Anregung, statt Langeweile und Identifikation mit den Inhalten der Tätigkeiten.

Das Schlimme daran ist, dass der Mitarbeiter dies nicht öffentlich zugeben kann, weil er Angst hat seine Stelle zu verlieren. Also muss er so tun als ob, die Arbeit vielfältig und ausfüllend sei. Gleichzeitig bewahrt er diesen Zustand und wehrt alles was an ihm herangetragen wird ab. Wer unterfordert ist, will arbeiten, aber das Unternehmen lässt ihn nicht.

Wie entsteht aber dieses Phänomen:
  • Häufig liegt es an veränderten Strukturen im Unternehmen. Das Unternehmen hat sich neu aufgestellt und bestimmte Mitarbeiter werden nicht mehr gebraucht. Aber langjährige Mitarbeiter sind oft nicht mehr kündbar. Also erhalten sie einfach keine Aufgaben mehr.
  • Abteilungen werden zusammengelegt, ein anderer erhält die Aufgaben und die eigenen Arbeitsaufgaben entfallen.
  • Ein neuer Chef kommt und vergrößert seinen Machtraum, indem er Mitarbeiter auf Positionen versetzt, in denen er ihnen die Macht im Unternehmen entzieht und sie dann auf mehr oder weniger unwichtigen Positionen herumdümpeln.
  • Aber auch Kollegen im einem Team können aus Angst vor dem neuen sehr kompetenten Kollegen ausgrenzend wirken. Sie wenden eine komplexe Strategie auf, um den kompetenteren Kollegen zu degradieren. Der Kollege erhält die uninteressanten Aufgaben im Team.
  • Häufig werden auch ältere Mitarbeiter aussortiert. Diese erhalten kaum noch Aufgaben. Neue und jüngere Mitarbeiter übernehmen die Tätigkeiten.
  • Chronisch erkrankte Mitarbeiter sind aufgrund der Fehlzeiten nicht mehr beliebt im Unternehmen. Ihnen wird eine Position gegeben, in denen sie weniger wichtige Aufgaben ausführen müssen.
1. Beispiel

Herr Mustermann war 20 Jahre pädagogischer Leiter für Wohnen bei einem Nonprofit-Unternehmen und Frau Flink war die pädagogische Leiterin für die Kindereinrichtungen in der Behindertenhilfe. Aufgrund von Veränderungen im Unternehmen wird auch ein neuer Geschäftsführer mit dem Auftrag  das Unternehmen zu verschlanken eingesetzt. Als erstes sieht er die beiden Leitungskräfte als hinderlich für sein neues Vorhaben an, und er entzieht ihnen die Leitungsaufgaben. Sie sollen nur noch beratend tätig sein. Frau Flink ist noch sehr jung und hat schnell verstanden, was da mit ihr geschieht. Aufgrund ihrer guten Kontakte zu anderen Unternehmen, erhält sie ein neues Jobangebot und verlässt das Unternehmen. Herr Mustermann jedoch ist bereits über fünfzig Jahre alt. Seine Kinder studieren und seine Mutter wird zu nehmend dement. Auch das Haus ist noch nicht abgezahlt. Er glaubt, er kann das Risiko eines Arbeitswechsels nicht auf sich nehmen. Er bleibt im Unternehmen. Zunächst empfindet er die wenigen Arbeitsaufträge noch als entlastend. Besonders, da er seine Mutter zu sich nach Hause holen muss. Doch mit der Zeit wird die Langeweile tödlich. Hinzu kommt die geringe Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wird und ihn zermürbt. Nach außen tut er als ob alles in Ordnung wäre. Doch in dem Moment, indem er seine Bürotür hinter sich schließt und er sich an den Schreibtisch setzt, an dem er sinnlose Statistiken führt, also Zahlen in ein Excelblatt einträgt, wird ihm seine Lage bewusst. Selbstzweifel, Müdigkeit bis hin zur Depression sind Folgen seiner sinnlosen Tätigkeit. Er wird krank.

2. Beispiel

Die gut ausgebildete, Frau Treuherz, in den besten Jahren führt ein sehr großes Heim mit Außenstellen zur Betreuung von Menschen mit seelischen Erkrankungen und unterschiedlichen Behinderungen. Aus Kostengründen legt die Geschäftsführung unvermittelt zwei Leitungsbereiche zusammen. Da zwei Leitungen nun überflüssig sind, bekommt sie die Aufgabe der stellvertretenden Leitung und wurde mit der Aufgabe des Dienstplanschreibens betraut. Doch bald wird klar, die ehemalige Leiterin und die neue Leiterin können nicht gut miteinander arbeiten. Der Chef zieht die neue Leitung vor. Es kommt zu Streitigkeiten. Frau Treuherz wird wieder versetzt und erhält die Aufgabe einer Gruppenleitung in der Tagesklinik (in dem gleichen Bereich, in dem sie zuvor als Gesamtleitung tätig war). Anfangs gefällt ihr der neue Job sehr gut. Sie hat sofort neue Ideen und bringt diese in Besprechungen ein. Jedoch interessiert sich nun niemand mehr für sie, ihre Ideen finden keine Beachtung. Sie beschwert sich beim Chef und hofft er würde ihre Lage verstehen. Doch dieser hat andere Probleme und interessiert sich nicht für die Befindlichkeiten seiner Mitarbeiterin. Schließlich hatte er sie ja nicht entlassen, sondern ihr eine andere Stelle gegeben. Kurzerhand, versetzt er sie abermals. Diesmal in die Verwaltung, weit weg von ihrem alten Arbeitsumfeld. Sie wird damit betraut die Fachbibliothek zu katalogisieren. Die Folge ist,  dass sie den Kontakt zu ihren Kollegen verliert. Sie ist jetzt komplett aus ihrem originären Arbeitsumfeld entfernt. Aus ihrer Sicht muss sie jetzt eine sinnentleerte Aufgabe erfüllen. Zuerst protestiert sie noch. Als niemand mehr auf ihre Mails reagiert resigniert sie. Sie bekommt zunehmend Migräneanfälle und schafft es an bestimmten Tagen nicht mehr zur Arbeit zu gehen. Auch ihr privates Umfeld leidet unter ihren Stimmungsschwankungen. Ihre große Lustlosigkeit und ständige Müdigkeit kommt bei anderen nicht gut an. Sie verschließt sich der Welt zunehmend.

Anhand dieser beiden Beispiele erkennst du, wie solche Dinge verlaufen können. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass die Namen und Berufe der Personen und die Beschreibungen der Unternehmen fiktiv sind. Falls sich jemand in den Beispielen wiedererkennt, dann ist dies nur ein Zufall. Mir sind aber durchaus ähnliche Geschichten bekannt.

Leider gibt es hier viel zu wenig Hilfen. Weder der Betriebsrat noch der Rechtsanwalt kann hier helfend eingreifen.

Doch bevor das letzte Mittel der Kündigung ergriffen wird empfehle ich sich psychisch-aufbauende Hilfe zu suchen. Je nach Zustand (z. B. tiefe Depression), kann eine Therapie sehr hilfreich sein. Aber auch ein rechtzeitiges Coaching, ist hilfreich. Wichtig ist, dass die betroffene Person wieder aus dem Gefühl der Ohnmacht herauskommt.

Indem sich jemand mit seinen Selbstkompetenzen wahrnimmt, wird er auch aus der Falle der Langeweile herauskommen. Die Konzentration sollte sich zunächst auf die private Situation richten und dann auf die berufliche Situation übertragen werden.


 

Buchtipp:

Seeleninfarkt: Zwischen Burn-out und Bore-out – wie unserer Psyche wieder Flügel wachsen können, Rüdiger Dahlke, Verlag: Scorpio Verlag (10. August 2012)


 

Boreout – Biografien der Unterforderung und Langeweile: Eine Soziologische Analyse

von Elisabeth Prammer

Verlag: Springer VS; Auflage: 2013 (3. Dezember 2012)


Musik:

Die Ärzte – Mir ist langweilig https://www.youtube.com/watch?v=sM2aHTRqk_g


 

 


Filme gegen Langeweile

Lost in Translation

Das Leben ist schön

Star Trek

Krieg der Sterne

Die fabelhafte Welt der Amélie

Aliens (nur für die, die Herausforderungen suchen)

Avatar – Aufbruch nach Pandora

 

Comments 3

  1. Hallo Esther, dein Artikel gefällt mir sehr gut hoffentlich kommt er in den Unternehmensführungen an. Das Beitragsbild ist auch sehr nett. Die machst du selbst oder?

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